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Demokratie braucht Demokraten

Es ist noch nicht einmal ein Menschenleben her. Erst vor 63 Jahren konnte das nationalsozialistische Terrorregime besiegt werden. Erst vor 63 Jahren konnten Opfer aus den Konzentrationslagern und konnte unser Land von der Diktatur befreit werden. Erst vor 63 Jahren begann langsam der Prozess der Demokratisierung unseres Landes.

Der millionenfache Mord an den Juden, der Versuch, alle in Europa lebenden Juden zu ermorden ist und bleibt das größte Verbrechen des 20. Jahrhunderts. Nicht selten wird heute über die Opfer gesprochen, als ob sie nicht zu uns gehört hätten. Dabei waren es unsere Nachbarn und Mitmenschen, eben Bürgerinnen und Bürger in unseren Städten.
Auch in unserer Stadt haben 1941 noch 19 Menschen jüdischen Glaubens gelebt, die nicht geflohen oder ausgewandert waren. Sie haben mit und unter der Coesfelder  Bevölkerung gelebt, als Händler, Arbeiter, Schüler. Sie sind bis auf Wilhelmine Cohen (spätere Minchen Süßkind) alle ermordet worden. Im lettischen Riga, im Wald von Bikernieki.

Es ist mir auch persönlich wichtig, dass wir in unserer Stadt Erinnerungsarbeit leisten. Erinnerungsarbeit ist immer auch verbunden mit der Frage nach dem ?Warum?, nach dem ?Wie konnte das geschehen?. Dabei stoßen wir m.E. immer wieder auf eine Antwort, dass die Weimarer Demokratie nicht stark genug war.

Erinnerungsarbeit ist wichtig, sie ist zu ergänzen um den Einsatz für Demokratie. Vor 63 Jahren konnten wir mit der Unterstützung der Siegermächte des Zweiten Weltkrieges beginnen, die Demokratie aufzubauen. Sie erscheint uns heute oft so selbstverständlich.

Unsere Geschichte zeigt uns gerade, dass Demokratie nichts Selbstverständliches ist. Dass Demokratie auf aktive Demokraten angewiesen ist. Dass Demokratie auf Menschen angewiesen ist, die für sie eintreten.

Die politische Debatte, die Äußerung unterschiedlicher Meinungen darf nicht als Geschwätz, als Palaver abgetan werden, lächerlich gemacht werden.

Das ernsthafte Bemühen der Demokraten hat grundsätzlich Anerkennung verdient.
Wenn diese Anerkennung fehlt, wenn grundsätzlich den demokratischen Politikern nur Falschheit unterstellt, nur Eigennutz unterstellt wird, ist auch unsere Demokratie in Gefahr.
Der demokratische Staat braucht unseren Einsatz nicht nur, wenn wir direkt betroffen sind. Das wäre ?Eigennutz-Demokratie?. Der demokratische Staat braucht unseren Einsatz auch und gerade, wenn es um den anderen geht, um die Gesellschaft insgesamt.

Eine gesunde Streitkultur mit Meinungs- und Pressefreiheit und starken Bürgerrechten gehört zu einer lebendigen Demokratie. Wir brauchen freie, selbständig denkende und handelnde Menschen, die ihre Rechte wahrnehmen aber auch und gerade die Rechte anderer sehen, akzeptieren und am Ende der demokratischen Debatte einen Kompromiss suchen, finden und akzeptieren. Der gemeinsam gefundene Kompromiss ist die Krönung der Demokratie.
Demokratie ist die Lehre aus der Geschichte.
Wir müssen alles tun, damit die Demokratie auch in Zukunft lebt damit etwas Ähnliches wie der Holocaust nie wieder geschieht.

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